HIER IST EIN MENSCH GEWESEN

Ein Manifest über das Dasein

Vielleicht möchten Sie diesen Text in Begleitung der Seikilos-Melodie lesen, die uns aus einer Zeit vor fast zweitausend Jahren erreicht hat.

Aufnahme: gesungen von Marcus Harvey · Wikimedia Commons · CC BY-SA 2.5

Der einzige Grund, weshalb ich mich für diese Kunst entschieden habe, war niemals, Geld zu verdienen, berühmt zu werden oder mich der Gesellschaft durch vermeintliche intellektuelle Überlegenheit beweisen zu wollen. Und das wird er auch niemals sein.

Ich habe nie ganz verstanden, welchen Wert der Mensch sich selbst beimisst. In einem Milliarden Jahre alten Universum, auf einem winzigen Planeten, kann ich nicht begreifen, dass ein Wesen, dessen Existenz im kosmischen Maßstab weniger als ein Staubkorn bedeutet, sich für so bedeutend hält. Wir errichten Imperien, ziehen Grenzen, verleihen Titel, erheben andere oder setzen sie herab. Als würde sich das Universum für irgendetwas davon interessieren. Dabei sind wir, um Carl Sagan aufzugreifen, nichts weiter als denkende Tiere auf einem blassblauen Punkt.

Wir werden geboren, wir leben und wir sterben. Und was dann? Werden wir wirklich gelebt haben?

Was bedeutet es zu leben? Zu atmen? Zu lieben, zu leiden, zu denken, zu erschaffen? Oder einen Platz im Gedächtnis eines anderen Menschen einzunehmen? Es gibt einen bekannten Spruch: Wenn der letzte Mensch stirbt, der sich an dich erinnert, wird es sein, als hättest du nie gelebt. Das klingt abgedroschen. Doch je länger ich darüber nachdenke, desto beunruhigender finde ich diesen Gedanken. Was bleibt, wenn jede Spur verschwunden ist, die bezeugt, dass ein Mensch einmal gelebt hat?

Natürlich wird ein gelebtes Leben nicht ungeschehen, nur weil niemand mehr daran denkt. Auch die Gleichgültigkeit des Universums nimmt unserem Leben nicht seinen eigenen Wert. Aber das ist nicht ganz das, was mich beschäftigt. Was wird von unserer Existenz übrig bleiben, wenn auch das letzte Bewusstsein verschwunden ist, das noch weiß, dass es uns einmal gab? Vielleicht fürchte ich weniger den Tod als das Ausgelöschtwerden, als wäre ich niemals hier gewesen. Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, dass die Zeit niemandem eine Sonderbehandlung gewährt. Das Leben ist ein einziger Tag, und dieser Tag ist heute. Wir wissen nicht, was der morgige Tag irgendjemandem bringen wird. Die Zukunft ist noch nicht gelebt worden. Die Vergangenheit besteht nur noch in Erinnerungen fort. Und Erinnerungen sind ebenso sterblich wie die Menschen, die sie in sich tragen.

Heute können wir ein ganzes Leben in digitalen Speichern unterbringen. Unsere Fotos, unsere Stimmen, unsere Gedanken, die Spuren unserer Beziehungen zu geliebten Menschen – all das lässt sich hinter einem Bildschirm, auf einem Server oder im Speicher eines Geräts aufbewahren, das in eine Hand passt. Mir ist bewusst, welch außerordentliche technische Leistung das ist. Aber der Gedanke, dass von einem ganzen Menschenleben vielleicht nur eine vergessene Datei, ein unzugängliches Benutzerkonto oder ein USB-Stick übrig bleibt, der eines Tages nicht mehr funktioniert, beunruhigt mich.

Vielleicht ist diese Angst typisch für unsere Zeit. Vielleicht kannten Menschen früher dasselbe Gefühl und begegneten ihm auf ihre Weise: einen Namen in Stein meißeln, einen Baum markieren, ein Grab errichten, eine Geschichte erzählen. Hinter all dem könnte derselbe stille Protest stehen: Ich war hier.

Dieser Gedanke steht im Mittelpunkt meiner Beziehung zur Kunst. Die inneren Auseinandersetzungen, die Fragen, auf die ich keine Antwort finde, und meine Gedanken über mein eigenes Dasein möchte ich in eine Form bringen, die mich überdauern könnte. Ich möchte eine Inschrift hinterlassen. Eine Spur, die Menschen, die mich niemals kennenlernen werden – vielleicht einer Generation, die noch nicht geboren ist –, davon erzählt, dass hier einmal jemand gelebt hat, der dachte, fragte und fühlte.

Doch der Wunsch, sich auszudrücken, entsteht nicht allein aus dem Bedürfnis, in Erinnerung zu bleiben. Manchmal reichen Worte nicht aus für das, was wir in uns tragen. Vielleicht beginnt genau dort die Kunst.

Was ist Kunst?

Bedeutet sie, die Pinselstriche eines Malers auswendig zu kennen? Sich seine Farbpalette einzuprägen, erklären zu können, in welcher Epoche seine Werke entstanden oder welcher Kunstrichtung sie angehören? Das Leben von Malern, Bildhauern, Musikern, Schauspielern und Denkern zu kennen, kann uns helfen, ihre Werke besser zu verstehen. Aber bedeutet all dieses Wissen, dass wir Kunst tatsächlich empfinden?

Stellen wir uns zwei Menschen vor einem Gemälde vor. Der eine kennt die Lebensgeschichte des Malers, seine Techniken, die Regeln der Komposition und den historischen Kontext des Werks. Der andere hat nicht einmal den Namen des Malers gehört. Und doch ist es der zweite, dem beim Anblick des Gemäldes die Tränen kommen, weil er plötzlich einer Erinnerung begegnet, die er seit Jahren vergessen glaubte. Wer von beiden hat die Kunst wirklich verstanden? Vielleicht beide. Vielleicht keiner. Denn ich glaube nicht, dass es nur eine richtige Antwort auf die Frage nach der Bedeutung eines Kunstwerks gibt.

Zu wissen, wie ein Werk geschaffen wurde, erklärt seine Entstehung. Es erklärt nicht immer, weshalb es in einem Menschen ein Gefühl auslöst, für das dieser keine Worte findet. Für mich ist Kunst der Versuch, Gedanken und Gefühlen eine Form zu geben, die wir in uns tragen, aber mit Worten nicht angemessen ausdrücken können. Manchmal wissen wir selbst nicht, was wir fühlen. Da ist etwas in uns. Wir spüren sein Gewicht, können es aber nicht benennen. Versuchen wir es zu erklären, reichen die Worte nicht aus; unsere Sätze erfassen nicht genau das, was wir meinen.

Vielleicht sucht der Mensch deshalb andere Ausdrucksformen. Er erzeugt einen Klang. Zeichnet eine Linie. Formt einen Stein. Bewegt seinen Körper. Erzählt eine Geschichte. Kunst ist eine andere Sprache, die der Mensch für sich entdeckt, wenn Worte nicht mehr ausreichen.

Für diese Sprache gibt es kein Wörterbuch mit verbindlichen Regeln. Ein Werk kann uns berühren, ohne dass wir wissen, was sein Schöpfer ausdrücken wollte. Vielleicht empfinden wir sogar etwas völlig anderes als das, was der Künstler beabsichtigte. Ich finde nicht, dass wir das Werk deshalb zwangsläufig falsch verstanden haben. Denn Kunst lebt nicht allein im Kopf ihres Urhebers. Sie gewinnt in jedem Menschen, der sie betrachtet, hört oder erlebt, eine neue Gestalt.

Eine Melodie, die einen Menschen an seine Kindheit erinnert, kann in einem anderen die Trauer über einen Verlust hervorrufen, den er nie erlebt hat. Ein Bild, das den einen gleichgültig lässt, kann den anderen stundenlang beschäftigen. Was der Künstler hinterlassen hat, ist dasselbe; die Menschen, die es aufnehmen, sind es nicht.

Kann man eine solche Sprache lehren? Techniken kann man lehren. Perspektive, Anatomie, Farbenlehre, Harmonie und Komposition kann man erlernen. Ein Mensch kann sein ganzes Leben darauf verwenden, sie zu beherrschen. Ihren Wert bestreite ich nicht. Aber ich glaube nicht, dass irgendeine Schule einem Menschen beibringen kann, was er fühlen soll.

Es gibt keine Prüfung, die messen könnte, warum wir vor einem Werk verstummen, warum wir weinen oder warum uns manchmal eine einzige Linie stärker berührt als ein langes Gespräch. Es gibt auch keinen Lackmustest, der entscheidet, wer Künstler ist und wer ein Niemand. Diplome, Preise, Titel und Ausstellungen können zeigen, was ein Mensch erreicht hat. Sie können aber weder die Tiefe seiner Innenwelt noch das, was sein Werk in einem anderen Menschen auslösen kann, mit Gewissheit messen. Auch dort, glaube ich, sollte man nach dem Wert der Kunst suchen: nicht nur danach, wie meisterhaft sie gemacht ist, sondern auch danach, was sie in uns in Bewegung setzt.

Und dieser Gedanke ist nicht neu. Er ist so alt wie die Geschichte der Menschheit. Lange bevor es die Alphabete gab, die wir heute benutzen, hatten Menschen Ängste, Freuden, Verluste und Gedanken, die sie nicht einordnen konnten. Eines Tages nahm ein Mensch ein Stück Kohle und zeichnete ein Tier an eine Höhlenwand. Vielleicht wollte er festhalten, was er gesehen hatte. Vielleicht gehörte die Zeichnung zu einem Ritual. Vielleicht verspürte er einfach den Drang zu zeichnen. Wir können es nicht sicher wissen. Aber wenn wir Jahrtausende später diese Zeichnung betrachten, begegnen wir der Spur eines Menschen. Wir kennen weder seinen Namen noch sein Gesicht, seine Stimme, die Menschen, die er liebte, oder die Dinge, die er fürchtete. Und doch wissen wir, dass er einmal dort war.

Seither hat der Mensch alles genutzt, was ihm zur Verfügung stand, um sich auszudrücken. Er zeichnete mit Kohle auf Höhlenwände, formte Stein, brachte Farbe auf Leinwand, vertraute seine Gefühle Noten an. Manchmal skizzierte er etwas Kleines am Rand eines Notizbuchs, ohne dass es jemals jemand sehen würde. Manchmal setzte er sich ans Meer und zeichnete mit dem Finger etwas in den Sand, obwohl er wusste, dass die nächste Welle es fortspülen würde.

Hier begegnet mir eine weitere Frage, die mich nicht loslässt: Warum erschafft der Mensch etwas, von dem er weiß, dass es verschwinden wird?

Eine Zeichnung im Sand wird in wenigen Minuten verschwinden. Vielleicht sieht sie niemand. Vielleicht erinnert sich niemand an sie. Möglicherweise bleibt nicht einmal ein Beweis dafür, dass es sie gegeben hat. Trotzdem beugt sich ein Mensch hinunter und zieht diese Linie. Warum? Vielleicht ist Beständigkeit nicht der ganze Zweck von Kunst. Vielleicht erschafft der Mensch manchmal etwas nicht, um in Erinnerung zu bleiben, sondern weil er das, was er in sich trägt, einfach nach außen bringen muss.

Wenn die Welle die Zeichnung auslöscht, kann sich in dem Menschen, der sie geschaffen hat, längst etwas verändert haben. Vielleicht hat er einem Gedanken Form gegeben, einen Schmerz gelindert oder sich zum ersten Mal selbst erklärt, was er empfindet.

Dieser Gedanke stellt auch meine eigene Absicht infrage. Denn ich möchte, dass meine Werke mich überdauern. Der Mensch, der am Strand in den Sand zeichnet, erwartet das vielleicht gar nicht. Trotzdem könnten wir beide demselben Bedürfnis folgen: dem Bedürfnis, dem, was wir in uns tragen, einen Platz in der äußeren Welt zu geben.

Vielleicht ist Dauerhaftigkeit kein notwendiger Zweck von Kunst, sondern manchmal ein Wunsch, den wir mit ihr verbinden. Es ist mein Wunsch. Und dessen bin ich mir bewusst.

Ich arbeite mit Glas. Denn Glas ist ein eigenartiges Material, das dem Menschen ähnelt. Es ist hart und doch zerbrechlich. Es ist durchsichtig und verbirgt manchmal dennoch das, was dahinterliegt. Es lässt Licht durch, reflektiert, bricht und verzerrt es. Ein einziger Schlag kann es in Hunderte Stücke teilen. Ich zerbreche dieses fragile Material ganz bewusst und versuche, aus den entstehenden Rissen ein neues Ganzes zu formen.

Ich betrachte Zerbrechen nicht nur als Zerstörung. Manchmal macht ein Bruch etwas sichtbar, das zuvor verborgen war. Das bedeutet aber nicht, dass alles Zerbrochene schöner wird. Ich verherrliche das Zerbrechen nicht. Glas zu brechen ist eine Technik, ein Werkzeug. Warum und wie ich es einsetze, ist ein Teil dessen, was ich sagen möchte.

Nicht jeden Riss kann ich kontrollieren. Das Material hat seine eigene Natur. Manchmal folgt es der Richtung, die ich vorgebe; manchmal findet es seinen eigenen Weg. Was entsteht, ergibt sich aus dem Zusammenspiel meiner Absicht und der Grenzen des Materials.

Vielleicht unterscheidet sich das menschliche Leben davon gar nicht so sehr. Wir glauben, alles geplant zu haben. Wir versuchen, unsere Zukunft festzulegen und unser Leben zu ordnen. Dann kann ein einziges Ereignis alle unsere Berechnungen verändern. Trotz aller Mühe wissen wir nicht, wann, wo und wie unser Leben einen Bruch erleiden wird.

Doch ich versuche mit meinen Werken nicht allein meine eigene Verletzlichkeit auszudrücken. Ich glaube, dass beim Betrachten eines Werks nicht so sehr entscheidend ist, was ich hineingelegt habe, sondern was der Betrachter von sich selbst darin entdeckt.

Vielleicht sieht jemand in einer Fläche, die ich bewusst leer gelassen habe, eine eigene Erinnerung. Vielleicht weckt ein Riss, den ich geschaffen habe, etwas, das ein anderer seit Jahren zu vergessen versucht. Vielleicht wird ein Detail, das für mich keinerlei persönliche Bedeutung hat, für ihn zum wichtigsten Teil des Werks.

Darum glaube ich nicht, dass der Künstler die gesamte Bedeutung eines Werks allein festlegen sollte. Ich kann Glas zerbrechen. Ich kann den Verlauf der Risse beeinflussen, berechnen, wie sich das Licht verteilt, stunden- oder tagelang arbeiten, bis das gewünschte Bild entsteht. Aber ich kann nicht entscheiden, was ein Mensch davor empfinden wird. Und ich will es auch nicht.

Denn Kunst bedeutet für mich nicht, Menschen vorzuschreiben, was sie denken sollen. Sie bedeutet, ihnen einen Raum zu lassen, in dem sie sich selbst begegnen können.

Vielleicht findet jemand in meinem Werk keinen einzigen meiner Gedanken. Vielleicht entdeckt er eine Bedeutung, die ich mir nie hätte vorstellen können. Das akzeptiere ich. Der Gedanke, dass ein Werk unabhängig von seinem Urheber ein eigenes Leben beginnen kann, fasziniert mich. Ich möchte, dass die Beziehung, die Menschen zu meinen Werken aufbauen, auch nach meinem Tod weiterbestehen kann.

Wenn ich selbst nichts mehr sagen kann, könnten die Menschen vor meinen Werken weiterhin ihre eigenen Fragen stellen. Ob das geschehen wird, weiß ich nicht. Aber aus einem Material, von dem ich weiß, dass es zerbrechen kann, versuche ich etwas zu erschaffen, das mich überdauern könnte. Vielleicht lässt sich meine Beziehung zur Kunst am einfachsten so beschreiben.

Einen großen Einfluss auf diese Gedanken hatten Armand D'Angours Ausführungen über The Song of Seikilos.

Vor ungefähr zweitausend Jahren ritzte ein Mensch in den Gegenden, die wir heute Aydın nennen, ein Lied in eine Marmorsäule. Nicht nur den Text, sondern auch die Melodie. Sein Name war Seikilos. Heute kennen wir die Inschrift als eines der ältesten vollständig erhaltenen Beispiele notierter Musik aus der Antike. Doch was mich am meisten berührt, ist nicht ihr Alter, sondern dass wir die Musik heute noch hören können.

Das Lied, das Seikilos hinterließ, handelte von der Kürze des Lebens und davon, dass die Zeit irgendwann von uns allen ihren Tribut fordert. Wie eigenartig. Vor zweitausend Jahren dachte ein Mensch über die Vergänglichkeit des Lebens nach und meißelte diesen Gedanken in Stein. Dann endete sein eigenes Leben. Aber sein Lied lebte weiter.

Und dieser Stein wurde keineswegs immer als Kunstwerk behandelt. Jahrhunderte später gelangte er in die Hände von Menschen, die den Wert der Worte und Noten darauf nicht erkannten. Eine Zeit lang diente er als Sockel für Blumentöpfe. Damit er gerade stehen konnte, wurde ein Teil seines unteren Endes abgeschnitten; ein Teil der Inschrift ging verloren.

Ich stelle mir das manchmal vor. Vielleicht gingen Tausende Menschen an diesem Stein vorbei. Vielleicht setzten sie sich darauf oder lehnten sich dagegen. Vielleicht haben sogar einige Katzen oder Hunde darauf uriniert. Der Stein, der ein Lied trug, das man zweitausend Jahre später noch hören kann, war im Alltag anderer Menschen nichts als ein gewöhnlicher Gegenstand. Doch das nahm dem Gedanken, den er trug, nichts von seinem Wert. Dass Menschen den Wert eines Werks nicht erkennen, macht das Werk nicht wertlos.

Heute können wir Seikilos' Lied hören: eine Melodie aus dem Kopf eines Menschen, der vor rund zweitausend Jahren lebte, dessen Gesicht wir nie gesehen und dessen Stimme wir nie gehört haben. Bei diesem Gedanken läuft es mir kalt den Rücken hinunter.

Denn was ist in diesen zweitausend Jahren nicht alles geschehen? Imperien gingen unter. Kriege wurden geführt. Städte wurden erbaut, niedergebrannt und wiederaufgebaut. Herrscher, die sich für unbesiegbar hielten, starben. Die Namen vieler Menschen, die einst glaubten, die ganze Welt zu beherrschen, kennt heute kaum jemand. Aber ein paar Noten, die ein Mensch in Stein ritzte, sind noch immer zu hören.

Seikilos hat den Tod nicht besiegt. Er wurde nicht unsterblich. Vielleicht hätte er sich nie vorstellen können, dass zweitausend Jahre später noch jemand sein Lied hören würde. Aber ein Teil seines Denkens lebte sehr viel länger als er selbst.

Und etwas macht diese Geschichte für mich besonders persönlich. Die Inschrift des Seikilos wurde in Aydın gefunden. Ich lebe heute in Aydın.

Vor etwa zweitausend Jahren hat er in dieser Gegend eine Spur hinterlassen. Heute versuche ich, in derselben Gegend eine Spur zu hinterlassen. Vielleicht gehe ich an einem Ort entlang, an dem auch er einmal ging. Vielleicht betrachte ich dieselben Sterne von einer Stelle aus, an der auch er einmal zum Himmel blickte. Ich werde es niemals erfahren. Ebenso wenig werde ich sein Leben je so gut kennen wie mein eigenes. Doch wir teilen dasselbe Schicksal.

Seikilos lebte, hinterließ eine Spur und wurde zu Staub. Ich lebe, versuche eine Spur zu hinterlassen, und werde ebenfalls zu Staub werden.

Zweitausend Jahre liegen zwischen uns. Und diese zweitausend Jahre haben nichts am unausweichlichen Ende des Menschen geändert. Er starb. Auch ich werde sterben. Doch heute steht jemand vor einer Spur, die er hinterlassen hat, denkt über ihn nach und hört sein Lied. Dieser Jemand bin ich.

Ein Mensch, der vor zweitausend Jahren lebte, bringt mich heute dazu, mein eigenes Dasein zu hinterfragen. Vielleicht ist das, was ich mir im Grunde wünsche: dass irgendwann ein Mensch, der noch nicht geboren ist, einem meiner Werke begegnet.

Vielleicht wird er nicht wissen, wer es geschaffen hat. Vielleicht erfährt er nie, welche Hände das Glas zerbrochen haben oder welche Gedanken sich hinter den Rissen verbargen. Vielleicht erkennt er darin nicht einmal ein Kunstwerk. Vielleicht hält er es für wertlos, stellt es beiseite oder benutzt es für etwas anderes. So wie es der Inschrift des Seikilos erging.

Doch vielleicht kommt eines Tages jemand anderes. Er steht vor dem Glas und fragt sich einen Augenblick lang, was in einem Menschen vorgegangen sein mag, der lange vor ihm lebte. Vielleicht denkt er nur: Hier ist einmal jemand gewesen.

Das wäre mir weit mehr wert als der Preis, zu dem das Werk verkauft wurde, oder der Name des Museums, in dem es ausgestellt war. Denn zu den erstaunlichsten Möglichkeiten der Kunst gehört es, eine gedankliche Verbindung zwischen zwei Menschen herzustellen, die einander niemals kennenlernen können.

Seikilos weiß nicht, dass sein Lied noch immer gehört wird. Auch ich werde nie erfahren, was aus meinen Werken wird. Vielleicht bleibt keines erhalten. Vielleicht werden alle zerbrechen, verschwinden, vergessen werden. Vielleicht bleibt nichts von mir zurück. Aber diese Ungewissheit nimmt mir nicht das Verlangen zu schaffen. Im Gegenteil: Vielleicht schaffe ich gerade wegen dieser Ungewissheit.

Am Ende führt mich all das zu meinen Worten vom Anfang zurück. Ich habe gesagt, dass ich nicht akzeptieren kann, für wie wichtig sich Menschen halten. Jetzt aber spreche ich davon, etwas von mir hinterlassen zu wollen, davon, dass Menschen noch Hunderte Jahre nach meinem Tod meinen Gedanken begegnen mögen.

Ist das nicht auch eine Form von Hochmut?

Milliarden Menschen wurden geboren, lebten und starben. Manche leisteten Großes. Manche taten Schreckliches. Manche widmeten ihr ganzes Leben den Menschen, die sie liebten. Manche veränderten irgendwo auf der Welt das Leben eines Menschen, den wir niemals kennenlernen werden. Und die Namen der meisten von ihnen kennen wir heute nicht.

Was also unterscheidet mich? Warum sollten gerade meine Gedanken es verdienen, in die Zukunft getragen zu werden? Warum sollte meine Existenz mehr Erinnerung verdienen als die irgendeines anderen Menschen?

Darauf habe ich keine Antwort. Ich halte mich weder für wertvoller noch für wichtiger oder tiefgründiger als andere. Dennoch beunruhigt mich die Vorstellung, völlig vergessen zu werden. Ich weiß, dass das widersprüchlich ist.

Vielleicht liegt darin die ganze Tragik des Menschen. Wir sind bewusst genug, um zu begreifen, dass wir nicht der Mittelpunkt des Universums sind, aber so sehr an uns selbst gebunden, dass wir unsere eigene Abwesenheit nur schwer akzeptieren können.

Wir wissen, dass wir sterblich sind. Und trotzdem bauen wir Dinge, die bleiben sollen, meißeln Namen in Stein, schreiben Geschichten, ziehen Kinder groß und schaffen Kunst – als könnten wir damit der Zeit ein wenig länger standhalten.

Vielleicht ist auch Kunst eine der schönsten Ausreden, die der Mensch für seine Hilflosigkeit angesichts des Verschwindens gefunden hat. Vielleicht versuche ich, wenn ich Glas zerbreche, in Wahrheit der Zeit entgegenzutreten. Doch irgendwann kann die Zeit auch dieses Glas zerbrechen.

Kein Material hält ewig. Kein Name muss für immer in Erinnerung bleiben. Und kein Künstler kann über die Zukunft seines Werks bestimmen. All das weiß ich. Trotzdem schaffe ich weiter.

Denn vielleicht muss ein Mensch nicht glauben, für immer zu leben, um etwas zu erschaffen. Vielleicht genügt es, weiterzuarbeiten, obwohl er weiß, dass er eines Tages verschwinden wird. Wie jener Mensch, der etwas in den Sand zeichnet, obwohl die nächste Welle es auslöschen wird. Vielleicht besteht unser einziger Unterschied darin, dass ich hoffe, meine Spur möge etwas länger bleiben. Doch wir stemmen uns beide gegen dasselbe Ende. Und vielleicht werden wir beide am Ende verlieren. Diese Möglichkeit hält mich nicht auf.

Ich schreibe dieses Manifest nicht, um mehr Kunden zu gewinnen, eine philosophische Rechtfertigung für die Preise meiner Werke zu finden oder intellektueller zu erscheinen, als ich bin. Ich erwarte keinen Gewinn daraus.

Offen gesagt bin ich nicht einmal sicher, ob es Menschen gibt, die bis hierher lesen werden. Vielleicht habe ich in dieser unendlichen digitalen Welt aus Einsen und Nullen nur einen Haufen Worte aneinandergereiht, auf den niemand stoßen und den niemand zu Ende lesen wird. Vielleicht gehen diese Zeilen zwischen Milliarden anderer unter. Eines Tages mag auch diese Website verschwinden, und was ich hier geschrieben habe, könnte ausgelöscht werden, als wäre es nie geschrieben worden.

Seltsamerweise erinnert mich diese Möglichkeit an die Inschrift des Seikilos. Seine Gedanken waren in Stein gemeißelt; meine bestehen im Moment nur aus Licht auf einem Bildschirm. Er hinterließ sein Lied auf Marmor. Ich hinterlasse meine Gedanken in einer Welt aus Einsen und Nullen. Vielleicht werden sie keine zweitausend Jahre überdauern wie seine. Vielleicht werden sie morgen schon nicht mehr hier sein.

Und trotzdem schreibe ich. Denn ob jemand diese Worte lesen wird oder nicht, ändert nichts an meinem Bedürfnis, sie aufzuschreiben. Vielleicht bin ich jenem Menschen, der trotz der kommenden Welle etwas in den Sand zeichnet, gar nicht so unähnlich.

Ich versuche nur, mich ein wenig zu erklären. Vielleicht auch, ein wenig verstanden zu werden.

Ich behaupte nicht, eine große Wahrheit entdeckt zu haben. Ich sage nicht, dass ich den Sinn des Lebens entschlüsselt, die endgültige Definition der Kunst gefunden oder eine Antwort auf den Tod entwickelt hätte. Ich akzeptiere, dass ich mich irren kann. Vielleicht werde ich diese Worte in einigen Jahren lesen und mir selbst widersprechen.

Aber auch das spielt keine Rolle. Denn so denke ich heute. Heute bin ich am Leben. Und heute möchte ich, solange ich noch Zeit habe, den Gedanken in mir eine Form geben.

Eines Tages werde ich nicht mehr da sein. Auch der letzte Mensch, der mich kannte, wird irgendwann sterben. Mein Name kann vergessen werden. Mein Gesicht verblassen. Meine Stimme verschwinden. Meinen Werken kann dasselbe Schicksal bevorstehen. Aber vielleicht bleibt eines erhalten. Vielleicht einige Hundert Jahre. Vielleicht zweitausend. Vielleicht nur bis morgen.

Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, dass ich noch etwas erschaffen kann, solange ich hier bin.

Vor zweitausend Jahren hinterließ Seikilos in dieser Gegend eine Spur. Heute bin ich hier. Wer in zweitausend Jahren hier sein wird, weiß ich nicht. Aber vielleicht wird auch dieser Mensch sein eigenes Dasein hinterfragen. Vielleicht werden auch ihm die Worte fehlen. Vielleicht wird er vor einem Stein, einer Melodie oder einem Stück zerbrochenen Glases stehen und versuchen zu begreifen, was ein Mensch vor ihm einmal fühlte.

Und vielleicht begegnen sich in diesem Augenblick zwei Menschen, die Jahrtausende voneinander entfernt gelebt haben, in derselben Frage.

Ob das jemals geschehen wird, kann ich nicht wissen. Ich kann es nicht garantieren. Ich kann nicht einmal behaupten, es verdient zu haben. Aber ich möchte es versuchen.

Denn ich will nicht ewig leben. Ich weiß längst, dass ich das nicht kann. Ich möchte nur etwas hinterlassen, das bezeugt, dass ich einmal gelebt habe.

Vielleicht ist all diese Mühe sinnlos. Vielleicht ist das, was wir Sinn nennen, genau das, was wir inmitten dieser Sinnlosigkeit zu erschaffen versuchen.

Ich weiß es nicht.

Aber heute bin ich hier. Und solange ich Zeit habe, werde ich weiter versuchen, in dieser Welt eine Spur von mir zu hinterlassen.

— Yasin Uca
CRACASSO